Gemeinplatz: Weg (Ziel)

Gemeinplatz: Weg (Ziel)

Keine Frage, es gibt seltene Fälle, wo die Behauptung „Der Weg ist das Ziel“ mehr ist, als nur ein Gemeinplatz. Dann nämlich, wenn der unmittelbare Nutzen einer Tätigkeit der Gewinn sein soll. Oder wenn die Tätigkeit symbolischen oder rituellen Charakter hat. Ich frage mich allerdings, ob diese seltenen Fälle beim allgemeinen Gedränge gegebenenfalls überhaupt noch aufzufinden wären.

Der zitierte Satz ist darum so verführerisch, weil die enthaltene Paradoxie, die ja wohl zum Nachdenken über allzu große Strebsamkeit und vernachlässigte Augenblicksliebe anregen soll, meistens nicht als solche erkannt wird. Dies ist auch einer der Gründe, warum sich dieser Gemeinplatz einfach nicht abzunutzen scheint. Und weshalb (wie bei »Wer zu spät kommt …«) diese Weisheit so spielend leicht von jedermann angewendet werden kann. Schließlich streben in der natürlichen Welt alle irgendwo hin, so dass sie immer und an jeder Stelle dabei ertappt werden können. Und selbst wenn sie nirgends hinstrebten, müssten sie den Beweis doch schuldig bleiben.

Im Übrigen kann man das Sujet auch gegenteilig auslegen: »Es gibt ein Ziel. Aber es gibt keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern“ schrieb einst in einer sinnigen Stunde Franz Kafka in seinem berühmten Brief an den Vater und war da wohl vor allem eines: auf dem Holzweg*. Aber immerhin half er mir damit, endlich wieder zu natürlichen Begriffen heim zu kehren, dort hin, wo das Ziel das Ziel ist und der Weg dort hin der Weg. Danke.

*Natürlich gehe ich fest davon aus, dass Kafka aus einer gequälten Reaktion auf diesen offenbar damals schon verbreiteten Gemeinplatz heraus derart gekontert hat.