»Tradition« | Szenario

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Gute Filme basieren in der Regel auf einem traditionellen Drehbuch. Der Kurzfilm TRADITION von Peter Ladkani ausgerechnet nicht. Was keineswegs bedeutet, dass es keine Vorlage gab. Vielmehr diente der vorliegende Text als Grundlage für die Dreharbeiten. Das war natürlich nur möglich, weil das Filmkonzept von vorneherein vorsah, auf jeglichen Dialog zu verzichten und ausschließlich in Bildern zu erzählen – eine Beschränkung, die ich bisher immer als sehr bereichernd empfunden habe. Natürlich ist noch viel bei den Dreharbeiten hinzu gekommen. Aber wenn Sie Film und Text einmal vergleichen, werden Sie staunen, wie viel detailierte Filmhandlung sich mit so wenig Text bereits entwerfen lässt.

TRADITION

Szenario von Christoph von Zastrow

Blick über eine bunte Foto-Collage. Bilder von einem kleinen türkischen Jungen im neckischen Spiel mit seiner älteren Schwester. Die Lippen der Geschwister sind zu einem Lachen geformt und ihre Zähne blitzen in der Sonne – es sind Momentaufnahmen aus glücklichen Tagen.

Schatten fallen über einen abgewetzten Teppichläufer, der durch einen langen Flur in ein düsteres Zimmer führt, wo der zuvor gezeigte Junge, nun schon etwas älter, geduldig zwischen seinen Eltern ausharrt. Während die Mutter dabei ist, ihren Sohn in ein festliches Gewand zu kleiden, redet der Vater energisch auf den Sohn ein. Das Gesicht des Jungen und seine dunklen Augen bleiben dabei regungslos. Kurz darauf in einem Restaurant. Der Junge in der Haltung eines Prinzregenten auf einem geschmückten Stuhl, vor dem eine freudige Festgesellschaft respektvoll defiliert: Familie, Verwandte, Freunde. Sie alle sind gekommen, um dem Jungen ihre Aufwartung zu machen. Der Junge, ängstlich und verstört, bleibt stumm.

Blick über eine modern eingerichtete Wohnung. Das Gesicht der mittlerweile erwachsene Schwester, die vor einem Telefon steht und mit sich hadert. Anrufen oder nicht? Der deutsche Freund der jungen Frau kommt von hinten dazu. Er umarmt seine Freundin, wobei er ihr den Hörer aus der Hand und damit auch die Entscheidung abnimmt.

Unterdessen auf der Festgesellschaft mit dem kleinen Bruder: Speisen werden aufgetragen und Getränke. Doch obwohl die allgemeine Stimmung steigt, sitzt der Junge mit apathischer Miene vor seinem gefüllten Teller und rührt sich nicht.

Zur gleichen Zeit sitzt das junge Liebespaar in der Küche am Frühstückstisch. Während das Gesicht der Schwester ein Regenwetter verkündet, wirft deren Freund seinen ganzen Charme ins Feuer, um ihr ein Lächeln zu entlocken.

Kaum anders ergeht es dem kleinen Bruder, der nach wie vor mit traurigen Augen an seinem Platz sitzt und sich den peinlichen Wangenkniff eines älteren Onkels gefallen lassen muss. Warum ist er nur so ernst? Er soll doch auch mal lachen. Der Junge zögert, doch schließlich gehorcht er und lächelt gequält.

Auch die Schwester lächelt endlich, wenn auch freiwillig. Sie dreht die Lautstärke des CD-Players hoch. Mit einem auffordernden Blick an ihren Freund gewandt, beginnt sie langsam in den Rhythmus der Musik einzutauchen. Musik auch in dem Lokal, wo mittlerweile eine Gruppe traditioneller Musiker eingetroffen ist und die Gäste zum Tanzen reizt.

Jemand zieht den widerstrebenden Jungen von seinem Platz und auf die Tanzfläche. Ganz ähnlich wie in der Küche des Liebespaars, wo die junge Türkin ihren Freund vom Stuhl zieht und zur Musik umtanzt. Der Tanz in dem Lokal nimmt extatische Züge an. Immer schneller ziehen die Gestalten an dem verständnislosen Gesicht des kleinen Jungen vorbei, der sich mithin wie im Zentrum eines Hexenkessels vorkommen muss – bis der Vater dem Wahnsinn ein Ende setzt, indem er durch die Menge schreitet und dem Jungen unter großem Jubel der Anwesenden ein säuberlich verpacktes Geschenk von der Größe eines Ziegelsteins überreicht.

Nahezu zeitgleich findet auch in der Wohnung die Übergabe eines weiteren Geschenks statt: Unter der Butterdose findet die Schwester überraschend einen Verlobungsring, den der Freund kurz zuvor für sie dort versteckt hatte. Atemlos vor Überraschung und Freude, fällt die junge Frau ihrem Verlobten um den Hals.

Der Wind weht alte Zeitungen über den öligen Asphalt eines Busbahnhofs. Der Junge, immer noch in seinem Festtagsanzug und mit dem Geschenk in Händen, geht auf einen wartenden Bus zu. Auf der Treppe wendet er sich noch einmal um. Auf dem Gehsteig die Eltern. Die Mutter, nicht ohne Besorgnis, winkt ihrem Kleinen. Der Vater wirft ihm einen ermunternden Blick zu. Dann schließt sich die Bustür und der Bus fährt ab.

In dem Bus wird der Junge von den Mitreisenden mehr oder minder verhohlen angestarrt. Was mag es mit diesem kleinen Reisenden mit der Geschenkschachtel auf dem Schoß wohl auf sich haben? Ein älteres deutsches Ehepaar lächelt ihm zu. Der Junge bleibt ungerührt.

Während der Bus den Stadtrand erreicht und über eine Landstraße gen Horizont rollt, schwenken wir zur Schwester. Diese verabschiedet sich gerade mit einem innigen Kuss von ihrem Verlobten und steigt ins Auto. Kurze Zeit später braust sie, beschwingt von den Klängen einer CD, in freudiger Stimmung über eine idyllische Landstraße. An ihrem Finger funkelt der Verlobungsring in der Sonne.

Eine selten befahrene Landstraße zwischen einer Allee von Bäumen, durch die sich der zuvor gesehene Bus mit dem Jungen an Bord nähert, bis er an einer kleinen, verlassen wirkenden Busstation hält. Der Bus fährt wieder an, der Junge bleibt zurück. Außer ihm selbst ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Warten. Schließlich bückt sich der Junge. Die Schuhe haben beim Aussteigen etwas Schmutz abbekommen. In diesem Moment vernimmt er das Geräusch eines haltenden Wagens. Es ist die Schwester des Jungen, die aussteigt und freudig auf ihren Bruder zusteuert, der sich nun aufrichtet und den Deckel der mitgebrachten Geschenkschachtel hebt. Plötzlich, und mit einem Ausdruck ungläubigen Erstaunens, bleibt die Schwester stehen: Der Bruder hält eine Pistole in Händen – und schießt.