Über diese Ausgabe

 

Im Frühjahr 1906 macht der britische Autor Frederick Rolfe – bekennender Homosexueller und intimer Brieffreund Bensons – den Autor auf den französichen Denker Claude Henri de Rouvroy, comte de Saint-Simon aufmerksam. Saint Simon war ein Vordenker eines technokratischen Sozialismus – der Begründer einer eigenen französischen sozialistischen Denkschule.

Mit ihm findet Benson das Thema für seinen Roman »Der Herr der Welt«. Kurz vor dem Weihnachtsfest 1905 schreibt Benson voller Begeisterung seiner Mutter nach Hause: Er habe jetzt den Stoff für einen Roman. Sie solle sich nur einmal vorzustellen versuchen, der Papst, ein Sozialist wie Saint Simon, Napoleon und der Antichrist träten gemeinsam auf. »Der Antichrist« ist auch der vorläufige Titel des Buches, an dem Benson in den kommenden sechs Monaten schreiben wird – er war ein enorm schneller Schreiber, und auch ein leidlich flüchtiger. Im May 1906 lässt er Rom niederbrennen, im Juni bereits schreibt er Rolfe: Der Antichrist sei vollendet, wenn er auch fürchte ein wenig übereifrig gewesen zu sein, schließlich ginge im letzten Kapitel die Welt unter.

Die Reaktionen auf den Roman waren entsprechend heftig – zu effekthascherisch sei der Roman, zu hoffnungslos, zu wenig klar erkennbar der Hoffnungsschimmer der einem Christen selbst in modernen Zeiten bleibe.

Zu den begeisterten Lesern zählten die irische Romanautorin Rosa Mulholland – die sich bei Benson für die gefällige Darstellung der Iren als aufrechte Katholiken bedankte. Genauso pflegte Benson mit Sir Oliver Lodge – eine britischen Physiker und Erfinder – nach Erscheinen des Buches einen intensiven Briefwechsel. Lodge war Bensons rigider Papalismus sauer aufgestoßen – von dem Benson in seinen Antwortschreiben allerdings keine Handbreit wich.

So ist es nicht verwunderlich, dass Benson in erster Linie im katholischen Kernmilieu rezipiert wurde – und auch heute noch wird. Gerade die kirchliche Rechte – allen voran der Leiter der Glaubenskongregation Kardinal Josef Ratzinger – haben Bensons Werk stets für ihre Ideen genutzt. In Deutschland – aber auch weltweit wie in den Vereinigten Staaten – wurde Bensons Werk so zumeist von katholischen Verlagshäusern vermarktet.

Die erste deutsche Übersetzung erfolgte bereits 1911 durch Hedwig Agnes Maria von Lama, der Gattin des katholischen Autoren Friedrich Ritter von Lama, der später von den Nazis in Dachau ermordet werden sollte. Die zweite Übersetzung erfolgte dann 1957 für den katholischen Pattloch Verlag durch Rudolf Vey.

Eine unvollständige Arbeit nachdem Bensons Ursprungstext stark gekürzt worden war. Es fehlen etwa das Vorwort aber auch wichtige Passagen, die Bensons Begeisterung von der Moderne durchscheinen lassen oder die Romanfigur der Mabel Brand für den Leser klarer fassbar machen.

Auch dämpften die bisherigen Übersetzungen den – aus Blick des Lesers im 21. Jahrhundert weit überzogenen – Glaubenseifer eines Percy Franklin. In der vollständigen Fassung war dessen Autoritätshörigkeit, seine inbrünstige, leidversessene Versenkung in die katholischen Bilderwelten deutlicher spürbar. Bensons Zeitgenossen war dies bereits schwer zugänglich und Anlass für hefige Kritik.

Mit dieser Ausgabe liegt nun eine vollständige deutsche Übersetzung und sprachliche Überarbeitung von Bensons Urtext vor. Eine sinnvolle Arbeit, erlaubt die neue Textfassung dem deutschen Leser einen neuen Zugang zu Bensons Hauptwerk. Klarer tritt in ihm die fanatische Seite des letzten Papstes zu Tage und deutlicher wird auch die Faszination für die Errungenschaften der Moderne, der auch Benson bis zu einem gewissen Grad erlegen sein muss.

Mit dieser neuen Gewichtung  befreit sich der Text auch aus seiner traditionellen Umklammerung durch das christlich, katholische Lager. Klarer werden die visionären Züge des Textes sichtbar. Benson hat nicht nur Atomkriege vorausgeahnt, nicht nur die Chancen des Luftverkehrs begriffen oder die Mechanismen beschrieben, mit Hilfe derer die Faschistischen Bewegungen unmittelbar nach Bensons Tod 1914 die Welt verwüsteten.

Benson hat die Leere vorausgeahnt, die unsere Zeit nach dem Zerfall eines gemeinsamen geteilten transzendentalen Überbaus bestimmen wird.

Und für den Leser heute – dem religiöser Fanatismus allenthalben begegnet – wird noch ein Zweites sichtbar. Mit der psychologischen Ausgestaltung der Figur des Percy Franklin hat Benson die Blaupause geschaffen für den politischen Typ des religiösen Eiferers. Reflexartig verorten wir diesen heute in den Kämpfern des fundamentalistischen Islams. Er tritt jedoch immer häufiger auch in Gewand des christlichen Fundamentalismus auf. Im konservativen Amerika etwa, genauso treffen wir ihn aber im rechten christlichen Lager hierzulande.